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2020: Ein sehr persönlicher Jahresrückblick

Für viele war dieses Jahr geprägt von großen Umstellungen. Anfang des Jahres ahnte ich noch nicht, wie einschneidend diese persönlichen und beruflichen Umstellungen für mich werden sollten. Noch im Dezember 2019 sah alles rosig aus: eine anstehende Beförderung zur Head of, spannende Themen im Job und nebenberufliche Engagements mit tollen Partnern in Aussicht!


Privat wachsen


Doch dann die Diagnose kurz nach Weihnachten 2019: schwere Magenschleimhautentzündung. Im Januar 2020 sah es dann danach aus, dass die Entzündung chronisch werden könnte. Ich musste zur Magenspiegelung. Doch der Arzt weigerte sich mich zu behandeln. "Erst machen Sie einen Schwangerschaftstest!" Meine Einwände, ich könne nicht schwanger sein, ignorierte er. Also machte ich einen Termin bei meiner Frauenärztin am gleichen Tag. Dem Tag, der mein Leben bis heute, auf den Kopf gestellt hat. An dem Tag sah ich zum ersten Mal meine Töchter - Mila und Matilda. Ich war ungeplant schwanger mit Zwillingen.


"Wenn du etwas machst, dann 200%", war die Reaktion einer Freundin oder "Helen, du machst eben keine halben Sachen" von einem ehemaligen Kollegen. Und das stimmt. Für Dinge und Menschen, die mir am Herzen liegen, gehe ich oft an meine Grenzen oder darüber hinaus. Doch dann kam Corona und eine verdammt einsame Schwangerschaft, eine Entbindung mit anschließendem Aufenthalt auf der Intensivstation und heftige Startschwierigkeiten mit den kleinen Mäusen. Zu allem Überfluss entwickelte sich der Babyblues bei mir zu einer ernstzunehmenden Postnatalen Depression. Mein Leben war aus den Fugen geraten. Oder sollte ich schreiben "ist"? Heute, kurz vor Jahresende, blicke ich nach vorn und sehe zum ersten Mal in meinem Leben einen dicken Nebel. Ich, das Organisations- und Planungsgenie, habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was die nächsten Monate auf mich zu kommt. Planen, Spontanität, ja sogar kleine Träume, sind überflüssig geworden. Zwei kleine Wirbelwinde geben nun den Takt an.


Doch ich bin auch stolz auf mich. Mein Mann ist Student und aktuell im Praxissemester. Unsere Verwandten leben über 350 km entfernt. Ich stemme täglich zwei kleine Säuglinge, Haushalt, meine nebenberufliche Selbstständigkeit und vieles mehr - komplett allein. In den schlaflosen Nächten, in denen ich kraftlos vor Schlafmangel bereits den nächsten Tag im Kopf organisiere, zweifle ich zwar oft daran, dass ich jemals wieder so etwas wie "Karriere" in den Mund nehmen kann, doch mir wird auch bewusst, dass ich Übermenschliches leiste. Jeden einzelnen Tag. Und auch wenn das Mamasein nicht der Traumjob ist, von dem ich all die Jahre geträumt habe, so macht es mich zu einem besseren Menschen. Ich bin Zwillingsmama - und was ist deine Superkraft?


Beruflich innehalten


Die Tech-Welt, ja die Digitalisierung als solches, hat in diesem Jahr einen nie dagewesenen Aufschwung erlebt. Solange ich gesundheitlich konnte, begleitete ich bei PTC spannende Projekte und freute mich besonders darüber, dass Augmented Reality als Schlüsseltechnologie während der Krise stärker in das breite Interesse rückte. Dafür bin ich dankbar und staune aktuell nicht schlecht darüber, welche Lösungsansätze dank immersiver Technologien während Corona gefunden und in Rekordzeit umgesetzt werden konnten. Es schmerzte mich jedoch auch sehr das Diversity & Inclusion Chapter zurückzulassen, ein Herzensprojekt. Ich weiß allerdings auch, dass es durch ebenso engagierte KollegInnen gut betreut wird.


Parallel dazu durfte ich contexxt.ai im Rahmen ihrer Go-to-Market-Strategie nebenberuflich beraten und unterstützen - bis jetzt. Auch wenn mein Engagement diesen Dezember endet, so konnte ich viel lernen und hoffentlich wertvolle Impulse setzen. Die Arbeit eines StartUps miterleben zu können war eine besondere Erfahrung. Das talentierte Team und die innovativen Produkte sollte man im Auge behalten. Hier geht es zum LinkedIn Profil. Vielen Dank an euch, Thiemo und Torsten, für euer Vertrauen und die wertvolle Zusammenarbeit! Danke auch an Manuela für den fruchtbaren Austausch! Ich konnte so viel von dir lernen.

Ein Thema, das sich bereits dieses Jahr anbahnte, möchte ich im kommenden Jahr verstärkt angehen. Wie auch in 2020 hoffe ich PANDA im Rahmen ihrer Employers for Equality Initiative unterstützen zu können. Von Herzen vielen Dank, liebe Isabelle und Lucy, dass ich mich aktiv einbringen darf! Die Frage, wie wir motivierte und gut ausgebildete Frauen auch während ihrer Elternzeit fachlich "am Ball" halten, ihnen ein Gefühl von Dazugehörigkeit geben und beim Wiedereinstieg entlasten können, treibt mich über alle Maße herum.


Für 2021 habe ich mir vorgenommen die wenigen freien Stunden, die ich mit den Zwillingen habe, darin zu investieren Neues zu lernen. Das kommende Jahr wird also mein persönliches #YearOfLearning. Ich habe mir bereits eine Bibliothek an Fachbüchern auf Audible und eine Auswahl an Onlinekursen angelegt. Bei täglich vier Stunden Frischluft-Kinderwagenrunden habe ich ausreichend Zeit für Brain Food. Ab September plane ich wieder in Vollzeit in meinen "alten Job" einzusteigen. Ich freue mich darauf und habe gleichzeitig gehörig Respekt davor. Viele Gedanken, Fragen und Zweifel begleiten mich dabei.


Transparenz wagen


Im Gegensatz zu vorher gebe ich mittlerweile über Social Media ziemlich private, ungeschminkte Einblicke in mein (Über-)Leben als Zwillingsmama. Das ist ehrlich gesagt nichts, was ich geplant hatte. Aber bei all der Schwangerschafts- und Baby-Romantik wird oft verschwiegen, was Eltern tatsächlich erwartet. Die Realität mit Baby - oder Mehrlingen - ist deutlich unromantischer. Kaum jemand spricht offen darüber. Schlafmangel ist wohl das einzige, was uns prophezeit wird. Doch in dem wir die Überforderung, den körperlichen Schmerz, die Selbstzweifel und das zeitweise Verschwinden der eigenen Identität nicht thematisieren, schieben wir diese Gefühle in eine Schublade, in der wir Frauen nicht erlauben diese Emotionen offen zu verarbeiten. Wir stigmatisieren und schauen weg. Das muss sich ändern. Ich hoffe dazu beizutragen, in dem ich meine Geschichte erzähle.


Was bleibt nach diesem Jahr


Respekt. Respekt vor den vielen kleinen Paketen, die wir alle oft unsichtbar tragen ohne uns nach außen hin zu beschweren oder deswegen weniger zu geben. Viele von uns gehen tagtäglich an ihre Grenzen ohne dafür Respekt gezollt zu bekommen. Ich habe so viele Menschen und ihre persönliche Geschichte kennenlernen dürfen, die mich tief beeindruckt und bewegt haben.


Dankbarkeit. Dankbarkeit für die Menschen in meinem Leben, alt wie neu, und ihre Hilfe. Oft bekomme ich Unterstützung von Menschen, die mich eigentlich kaum kennen oder nur flü


chtig. Ich bin unsagbar dankbar für den Trost, Zuspruch und auch spontane Kinderwagentouren, so dass ich mal durchatmen kann. Ein besonderer Dank geht an Anja Bonelli - Anja, ich weiß wirklich nicht, wie ich mich je erkenntlich für deine Unterstützung zeigen kann! Du hast ein Herz aus Gold. Aber auch Dankbarkeit für meinen Körper und meine Kräfte, die mich zum Glück bisher nicht verlassen haben.


Vorfreude. Vorfreude auf so so viele Dinge. Die Entwicklung der Zwillinge (Bitte, bitte, mehr Schlaf!), den Wiedereinstieg in den Job, aber auch auf die Veröffentlichung von Prof. Dr. Meike Terstiege's Buch "KI in Marketing & Sales – Erfolgsmodelle aus Forschung und Praxis: Konzepte". Hier durfte ich gemeinsam mit meiner US-Kollegin einen Artikel beisteuern. Das Buch erscheint im März im Springer Verlag.


Zuversicht. Zuversicht, dass Tag um Tag besser wird, dass 2021 gut zu mir und meiner Familie sein wird und ich alles dafür geben werde, dass meine Mädels wachsen und gedeihen. Zuversicht, dass wir es als Gesellschaft und Arbeitgeber lernen Mütter frühzeitig und nachhaltig zu unterstützen. Zuversicht, dass wir generell netter zu einander sind.

Ich werde jetzt die Puzzleteile aus 2020 zusammentragen und versuchen ein Bild daraus zu formen. Wie heißt es so schön: The hardest part of ending is starting again.


Ich wünsche euch für 2021 alles Gute!


... Und denkt daran: First Rule of 2021, Don't Talk About 2020!

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