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Welcome to Mombieland



Mutti und Meetings, Mama und Moneten, Working Moms und Montessori, all das scheint in den Ohren vieler Menschen immer noch nicht zusammenzupassen. Kein Wunder, so waren bis ins Jahr 1977 Frauen in Deutschland zur Führung des Haushaltes inklusive Kinderbetreuung verpflichtet. Verpflichtet? Oh ja, bis 1977. Und was soll ich sagen? Viele Menschen, selbst Eltern, scheinen von diesem Schreckgespenst der Vergangenheit regelrecht verfolgt zu werden. Denn seit meinem Wiedereinstieg nach einem einjährigen Erziehungsbootcamp allein mit unseren Twinzillas, höre ich mir die verrücktesten Dinge an.


Seit September bin ich also endlich wieder Teil der Arbeitswelt. In Vollzeit. Aus freien Stücken. BÄM! Die Reaktion, die mir sowohl von Bekannten als auch Fremden oft entgegenschlägt ist eine Mischung aus Entsetzen und Mitleid. Zu meinen Top-Kommentaren zählen „Schade, dass man finanziell so früh zum Wiedereinstieg gezwungen wird!“ oder „Oh, was sagt denn der Papa dazu?“ Dabei macht mich besonders betroffen, dass ich nicht über Eltern urteile, die sich mehrere Jahre ganz und gar der Kindererziehung widmen wollen, es aber gerade Eltern sind, die mir unsichtbar das Label Rabenmutter auf die Stirn kleben.


Arbeit hat ein Image-Problem


Ich konstatiere: Arbeit hat ein Image-Problem. Zumindest für die meisten. Ok, ok, ich verstehe auch, dass nicht jeder Mensch Selbstverwirklichung im Job sucht. Ich zähle jedoch dazu und sehe Arbeit als Ventil, um eigene Interessen zu vertiefen und meine Talente auszuschöpfen. Und was ist mit dem Image einer Working Mom? Puh, das hat sich viele Jahrzehnte trotz Mauerfall kaum verbessert. Denn faktisch MUSS Frau grundsätzlich nicht arbeiten, sie darf. Aber warum sollte sie? Was um alles in der Welt könnte eine junge, übermüdete, geistig unterforderte und gut ausgebildete Frau dazu bewegen ihr Kind liebevoll und professionell betreuen zu lassen? Vielleicht erlaubt es die finanzielle Situation der Familie tatsächlich nicht anders. Aber vielleicht (jetzt wird es verrückt) möchte die Mutter wieder arbeiten! Krasser Gedanke, oder? Sie möchte! Ja, unter Umständen gibt es Frauen, die Spaß an dem haben, was sie beruflich bewirken können und tun. Können wir das akzeptieren? Ich bitte darum.


Die Glorifizierung der Working Mom


[Rückblick]

Während ich im Winter 2020/Frühjahr 2021 meine Speckbacken bei zweistelligen Minusgraden stundenlang für ausreichend Babyschlaf durch den Schnee schob und mir Rentner für die Räumung des Gehweges dankten, lass ich viel über Role Models, folgte ihnen auf Social Media, weinte leise und lauschte ihren Geschichten in Podcasts. Diese Frauen waren über Wochen meine unsichtbaren Begleiterinnen, ihr Lifestyle mein Nordstern, und ich dachte: es ist alles wieder drin sobald die Krippe startet… „Schau, alles ist möglich! Wenn sie es kann, kannst du das auch!“


[Gegenwart]

Die Eingewöhnung verschiebt sich wegen Magen-Darm.


„Wir müssen Sie leider informieren, dass unsere Einrichtung wegen eines bestätigten Covid-19-Falls bis X geschlossen bleibt.“


Matilda hat sich die Lippe aufgeschlagen. Zwillinge müssen abgeholt werden.


Mila hat gehustet. Zwillinge müssen abgeholt werden.


WTF.


Heute bin ich schlauer. Ich höre mir keine Geschichten gefeierter Working Moms oder Mompreneurs mehr an. Zu deprimierend. Ich fangirle die meisten weiterhin, ist ja klar, aber die Berichterstattung hinkt. Denn diese Frauen haben nicht einfach nur eine Kita, die Kinderbetreuung nicht nur „geregelt“. Sie haben das Geld, die Lobby und die Immobilien ausgezeichnete Au-Pairs und Nannys dauerhaft zu beschäftigen. Familie und Bekannte leben vor Ort und halten dieser Shero den Rücken frei. Sieht bei dir nicht so aus? Hm, bei mir tatsächlich auch nicht.


Ich mache es kurz: Mein Mann schreibt gerade seine Bachelorarbeit und gibt wirklich alles, aber auch er ist nur ein Mensch. Wir brauchen das allzeit zitierte Dorf! Das heißt, die Krippenplätze (Zwillinge = knapp 1.000 €/Monat) und eine Leihoma (einmal 1-2 h pro Woche) sind unser gesamtes Arsenal. Und das sieht aus, wie die Trickkiste aus Kevin Allein Zuhaus. Oder wie es eine Bekannte kürzlich resümierte: „Keine gibt den Namen ihrer Nanny raus, wenn die gut und bezahlbar ist. Keine.“


Bitte fragt sie – und ihn auch


Früher applaudierte ich, wenn in Female Empowerment Kreisen die Frage nach der Kinderbetreuung verteufelt und gefordert wurde, diese (sowie weitere) in öffentlichen Panels und in Diskussionsrunden zu verbannen... Shit. Genau jetzt wäre das eine DER Fragen, die mir unter den Nägeln brennen würde! Gäbe es womöglich eine ehrliche Antwort („Es ist ein täglicher Kraftakt. Ich kann heute nur hier sein, weil sich die Großeltern Urlaub genommen haben.“)? Oder konkrete Modelle und Lösungsansätze („Mein Mann kann aktuell halbtags arbeiten, weil ich finanziell gut aufgestellt bin und unsere Nachbarin macht einen hervorragenden Job als Nanny. Wir haben damals einfach nachgefragt, ob sie Interesse hätte.“) Aaaah, wie erfrischend wäre das? Stattdessen hetzt die Mehrheit der arbeitstätigen Mütter als Mombies weiter gestresst, dehydriert und vergessen zwischen Kinderbetreuung und Arbeitsplatz hin und her – und somit auch durch die kompletten ersten Lebensjahre des Nachwuchses.


Warum? Fragen wir doch stattdessen auch mal die Papas nach der Kinderbetreuung und ihrem Verständnis vom Vatersein im Jahr 2021. Lasst die Papas von ihrem Nachwuchs und ihrer Vaterrolle schwärmen. Fragen wir die Thomasse und Christians dieser Welt doch mal, wie familienfreundlich ihre Unternehmen sind. Stellen wir Vätern und Männern an der Spitze der Unternehmenspyramide doch einfach mal harte, sozialkritische Fragen. Hinterfragen wir wie solidarisch sie Müttern gegenüber sind! Traut sich wieder keiner, ich weiß.


Ansätze Working Parents sinnvoll zu entlasten


Ja, richtig gelesen, Parents. Denn es gibt sie, die paritätischen Familienmodelle, wo Papa mit anpackt - erst recht in Mehrlingsfamilien, so viel ist klar. Eine kurze Umfrage in meinem Netzwerk brachte interessante Ideen zu der Frage, wie Eltern in den ersten Lebensjahren ihrer Schützlinge und beim Wiedereinstieg unterstützt werden können:

  • Kostenfreie und garantierte Kinderbetreuung (Deutschlandweit, wir können immerhin nicht alle nach Thüringen ziehen)

  • Aufbau ehrenamtlicher Helfer:innen, von Leihomas bis Haushaltshilfen (für Eltern kostenfrei), und proaktive Vermittlung über eine Art Familienzentrum

  • Mehr familienfreundliche Arbeitszeit- und ortmodelle, wie 4-Tage-Woche und Mobil Working

  • Bis zur Vollendung des 2. Lebensjahres volle Bezahlung bei Teilzeit

  • Aktive Familienpolitik in Unternehmen (ein Anfang wären schon Eltern-Kind-Büros)

  • Zusätzliche und bezahlte Urlaubstage für Eltern von kleinen Kindern (+ 15 Tage), dann muss man auch nicht wegen jedem Husten die Kinderarztpraxen für einen Krankenschein lahmlegen

  • Bildungsgutscheine für Wiedereinsteiger:innen und arbeitsfreie Bildungstage

Es gibt unzählige Konzepte für eine familienfreundliche Arbeitswelt. Skandinavische Länder sind uns auch hier wieder einiges voraus und zeigen, dass es gelingen kann. Unsere Zukunft baut auf unseren Familien und Kindern.


Mombies are real, but badass


Ja, Mombies scheinen auf den ersten Blick kaum zurechnungsfähig. Doch ich spreche aus eigener Erfahrung, wenn ich sage, dass die Bullshit-Toleranzgrenze bei Müttern extrem sinkt. Ein Kollege versucht seinen üblichen Eiertanz bei der Abgabefrist? Not this time, Mama got this! Simultan schärfen sich echte Leadership-Qualitäten bei jungen Eltern: Resilienz, Ziele klar formulieren und kommunizieren, schnell Entscheidungen treffen und Prioritäten setzen, Netzwerke entwickeln, einen klaren Kopf in Stresssituationen behalten... Die Liste der Benefits schlaue Köpfe nach Familienzuwachs schnell wieder im Arbeitsleben willkommen zu heißen ist lang. Es existieren bereits ausgezeichnete Studien und Fachartikel zu dem Thema. Doch es reicht eben nicht, die Türen offen zu halten. Eltern und insbesondere Mütter stehen unter ungleich hoher Doppelbelastung und verdienen unseren uneingeschränkten Respekt und Support.


 

Last but not least:


Du bist Mama oder Papa? Deine Augenringe sind Krater und dein Nervenkostüm Klarsichtfolie? I feel you. Lasst uns gemeinsam was bewegen! Sprecht Missstände an, kommuniziert welche Hilfsangebote ihr benötigt und vernetzt euch. Macht Krach, schafft Veränderung! Für uns und unsere Kinder.







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