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Wiedereinstieg ist kein Selbstläufer

Aktualisiert: 30. Sept. 2021

Das Thema ist Dauerbrenner auf den Spielplätzen des Landes, doch selten auf Social Media Kanälen der Momfluencer: Wiedereinstieg nach Elternzeit. Der Wiedereinstieg ist eine der zahlreichen Herausforderungen, die Frauen im Laufe ihrer Karriere im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen zusätzlich nehmen müssen. Ich frage mich, warum braucht es im Jahr 2021 noch ein Aktionsprogramm wie "Perspektive Wiedereinstieg"? In dem folgenden Artikel halte ich einige meiner Gedanken und Erfahrungswerte fest.



Wiedereinstieg beginnt mit Bekanntgabe der Schwangerschaft


Der Abschied aus dem Job ist mir unglaublich schwer gefallen. Noch zwei Tage vor Beginn des Mutterschutzes war unklar, ob ich mein IT-Equipment behalten darf. Heute bin ich dankbar, dass ich regelmäßig hören kann, was unser CEO zu sagen hat, wie sich das Geschäft entwickelt oder sich das Team neu aufstellt. Immer wieder bin ich im Austausch mit meinem Chef und KollegInnen. Doch damals mit dem Laufzettel für ausscheidende MitarbeiterInnen bewaffnet, kam ich mir vor als würde ich abgeschoben. Mein erster Gedanke: "Ich bin doch nur in Elternzeit! Ich will das Unternehmen nicht verlassen!" Der Prozess ist klar rechtlich sauber, menschlich jedoch einfach katastrophal. Und dabei ist mein Arbeitgeber sonst in vielen Bereichen vorbildlich! Einige Kolleginnen verstanden meinen Frust, andere wiederum nicht. Schon damals merkte ich, dass die Auffassungen hier stark auseinander gehen.


Und auch bei der Frage des WIE fühlte ich mich wenig ernst genommen ("Wie kommst du wieder?"). Wenn ich ankündigte, dass ich nach einem Jahr in Vollzeit zurückkehren möchte, wurde ich von KollegInnen, FreundInnen und Bekannten oft nur milde belächelt. Immer wieder wurde mir gesagt: "Warte erstmal ab. Du bekommst Zwillinge." Ja, worauf soll ich warten? Dass ich das Muttertier in mir entdecke und aufopferungsvoll Jahre zuhause die Mädchen hüte? Scharfer Ton - denken Sie jetzt vielleicht. Aber genauso fühlt es sich an, wenn einem immer wieder die beruflichen Ambitionen mit dem Mutterwerden abgesprochen werden.


Daher ist für mich klar: Der Wiedereinstieg beginnt mit Bekanntgabe der Schwangerschaft. Und dabei meine ich nicht die Armada an Checklisten und Fristen. Es geht um das Gefühl von Wir-sind-da, Du-bleibst-wichtig und auch um Gespräche, die der werdenden Mutter in dieser turbulenten Zeit Orientierung geben.


Zum Beispiel:


"Hast du dich schon umgehört, wie es vor Ort mit Betreuungsangeboten aussieht?"

"Hast du Familie, die dich während der Elternzeit unterstützen kann?"

"Manchmal kann der Alltag mit Säugling sehr fordernd sein, wenn du Hilfe brauchst, bitte melde dich. Du bist damit nicht allein."

"Gelder, wie das Elterngeld, sind zwar steuerfrei, unterliegen aber dem Progressionsvorbehalt. Sprecht frühzeitig mit eurem Steuerberater."

"Möchtest du dich mit anderen KollegInnen in Elternzeit austauschen?"

usw.


Viele der oben aufgeführten Punkte liegen sicher außerhalb des Zuständigkeitsbereiches traditioneller HR-Abteilungen. Aber Arbeitgeber, denen das Wohlergehen ihrer Fachkräfte und damit deren Leistungsfähigkeit wirklich am Herzen liegt, die sich ihres Wirkungsradius bewusst sind, gestalten den Wiedereinstieg ihrer ExpertInnen proaktiv und frühzeitig. Sie bleiben an der Seite der jungen Eltern, auch wenn erstmal ein kleiner Mensch deren volle Aufmerksamkeit fordert. Warum? Weil die Loyalität und Leistungsbereitschaft, welche in dieser Zeit geformt werden, durch keine Obstschale oder Incentive-Reise dieser Welt geschlagen werden können.


Wiedereinstieg ist weiblich


Auch wenn mir einige positive Beispiele zeigen, dass ein Umdenken stattfindet, so sprechen die Zahlen eine klare Sprache: Wiedereinstieg ist weiblich. Denn wer glaubt, dass der Trend zur ausgedehnten Elternzeit in Deutschland rückläufig ist, irrt. Der Wert der erwerbstätigen Frauen in Elternzeit mit einem Kind unter 6 Jahren steigt seit 2011 stetig. Während sich nur 2,6 % der Väter mit Kindern unter 3 Jahren in Elternzeit befinden, sind es dagegen 42,2 % der Mütter. Generell lassen die Ergebnisse des Mikrozensus vermuten, dass Müt­ter den Anspruch auf Elternzeit häufiger hintereinander und länger bis zur Vollendung des dritten Le­bens­jahres geltend machen.


Der Anteil der Väter am Elterngeld und damit der Elternzeit wächst im Schneckentempo. 2020 stieg der Wert um +1,4 % auf 462 300 Väter. Lieblingsmodell ist mehrheitlich das Minimum von zwei Monaten. Ein bisschen Väterzeit, aber auch nicht zu viel des Guten. Denn auch wenn Unternehmen nach außen gern mit dem Prädikat "familienfreundlich" werben, so sieht die gelebte Realität in Unternehmen mit traditionellem Wertebild vor allem so aus: Familie ist Frauensache! Und ja, auch finanzielle Aspekte scheinen eine tragende Rolle zu spielen. Elternzeit muss man sich eben auch leisten können. So ist der Mann in Deutschland in 6 von 10 Beziehungen immer noch Allein- oder Hauptverdiener. Mütter sind also nach wie vor finanziell abhängig von ihren Partnern und entscheiden sich häufiger für den Nachwuchs, da ihnen bewusst ist, dass es allzu schnell keine berufliche Entwicklung für sie geben wird.


Eine weitere Zahl: Mütter, die in die Arbeitswelt zurückkehren, tun dies mit minderjährigen Kindern meist nur zu 33,8 % in Vollzeit (Vergleich: Väter zu 94,2 %). Die Folge ist - und ja, mit dieser Aussage habe ich mich in einem Clubhouse Talk nicht gerade beliebt gemacht - dass auch die Altersarmut in Deutschland vor allem weiblich ist, da sie einfach über einen längeren Zeitraum weniger in die Rente einzahlen. Man könnte jetzt behaupten, dass das alles kein Problem für unsere Gesellschaft, Wirtschaft und uns als Individuen darstellt. Doch Fakt ist nun mal, Frauen wurden und werden immer noch durch ihre evolutionäre Rolle als Gebärende karrieretechnisch, finanziell und auf so vielen anderen Ebenen schlechter gestellt. Diesen Zustand kann ich nicht akzeptieren - nicht für mich, nicht für meine Töchter.


Anstatt Mütter als Klotz am Bein, unberechenbare Bürde für das Unternehmen oder Kümmerer der Nation zu betrachten, sehen wir sie als die kompetenten Managerinnen, die sie sind. Denn das sind Mütter. Sie sind gewohnt regelmäßig und effizient zu kommunizieren, passen sich unerwarteten Veränderungen schnell an, sind ausgezeichnet organisiert, belastbar, haben das Gesamtbild im Blick, sind offen für neue Ideen und empathisch. Müttern nicht die Hand zu reichen, sie allein zu lassen, beim Wiedereinstieg nicht bestmöglich zu unterstützen, sie nicht zu (be)fördern, von ihren Kompetenzen zu nicht profitieren, ist schlichtweg unwirtschaftlich. Doch trotzdem mag es uns einfach nicht flächendeckend gelingen wirksame Angebote zu schaffen, die erwerbstätige Mütter zurück auf den Arbeitsmarkt oder ins Unternehmen proaktiv und individuell begleiten.


Was eine Selbstverständlichkeit sein sollte, ist es nicht. Wiedereinstieg heißt vor allem für die Frauen: Eigeninitiative! Sonst gibt es für beide Seiten schon mal ein überraschendes Wiedersehen, wie es leider bei einem ehemaligen Arbeitgeber der Fall war. Da stand plötzlich eine Fremde im Raum, von der gesagt wurde, sie wäre wohl Teil des Teams. Sie käme aus der Elternzeit. Ja, herzlichen Glückwunsch! Dass diese Frau nicht nur eine Einführung in neue Projekte, Orga-Charts und Programme brauchte, sondern vielmehr ein komplettes Weiterbildungsangebot, ahnte man vielleicht dann als sie kündigte, weil sie einfach nicht mehr zurecht kam. Aber wen interessiert das schon? Man kam ja auch vorher gut ohne sie zurecht. Heute frage ich mich: Wie zur Hölle konnte man sie vergessen? Peinlich, aber kein Einzelfall!


Der Wille ist da


Elternwerden ist herrlich (anstrengend). Aus dem kleinen Wunder wächst innerhalb weniger Monate ein willens- und charakterstarker Mensch in Miniaturformat heran. Dem Nachwuchs bei dieser spannenden Reise zuzuschauen, ihn zu unterstützen und zu begleiten, ist einzigartig. Doch Kinder zu bekommen, ja das Muttersein, wird heute gerne verklärt. Ich würde sogar sagen romantisiert. Instagram & Co. spielen dabei sicher eine tragende Rolle. Ich stimme zu, dass das Mutterwerden eine der persönlichsten und tiefgreifendsten Transformationen ist, die ich jemals durchlaufen durfte und wohl noch lange werde. Die Mutter meiner wilden Zwillingstöchter zu sein erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit. ABER man verliert sich eben auch. Das eigene Ich rückt oft soweit in den Hintergrund, dass eine starke Sehnsucht danach über Monate heranwächst.


Die moderne, gut ausgebildete Frau lebt heute in vielen Fällen nicht direkt ums Eck von Oma und Opa. Sie lebt vielleicht, wie ich, rund 350 km entfernt von ihnen. Und selbst wenn die Großeltern in der Nähe wohnen, so sind sie wahrscheinlich selbst noch voll berufstätig. Nach dem afrikanischen Sprichwort braucht es bekanntlich ein Dorf, um ein Kind großzuziehen, nur haben wir kein Dorf mehr. Wir haben Designer-Beistellbetten, Smartphones und den Nachwuchs die meiste Zeit allein zu betreuen. Und das ist - Spoiler Alert - körperlich und mental zehrend. Es zehrt. Es ist so verdammt hart. In meinem Fall waren es zwei Säuglinge und viel Überforderung, was mich oft mehrmals täglich nah an den Nervenzusammenbruch geführt hat. Macht mich das schwach? Nein. Es macht mich extrem resilient. Mütter haben Nerven aus Stahl und eine Effizienz, die lernt man in keinem Management-Kurs.


Der Wille als Individuum mit all seinen Fähigkeiten und Stärken gesehen zu werden, wieder geistig gefordert zu werden, finanziell aufzuholen oder sich als Mensch ein stückweit wieder verwirklichen zu können, ist daher natürlich. Eine kurze Umfrage auf Instagram ergab schöne Einblicke in das Thema (siehe Screenshots). Und ja, nicht jede Frau empfindet so. Das ist okay. Doch die, denen es so geht wie mir, stehen oft einige kräftezehrende Hürden im Weg. Kinderbetreuung, unausgeglichene Verteilung der Care-Arbeit innerhalb der Partnerschaft bis hin zur mangelnden Flexibilisierung von Arbeitszeit und - ort. Meine Erfahrung zeigt, es ist immer wieder an den Frauen für ihre Rechte und mehr Gleichberechtigung einzustehen. Das ist so ermüdend und einfach falsch. Der Wiedereinstieg ist oft eine eindimensionale Anstrengung der Mutter moderiert durch HR-Laufzettel und Checklisten. Was auf der Strecke bleibt ist viel Zeit, schöpferische Energie und Zufriedenheit.


Ergebnisse einer Kurzumfrage auf Instagram zu "Wiedereinstieg bedeutet für mich..."



Möglichkeiten den Wiedereinstieg aktiv zu gestalten


Seit Monaten suche ich immer wieder den Austausch mit Müttern und Personalentscheidern. Zuletzt durfte ich im Rahmen eines Events initiiert durch Employers for Equality meine Gedanken und Erfahrungen dazu teilen. In den Talkrunden macht mir immer wieder Mut zu hören, dass einige Arbeitgeber die Verbesserungspotenziale erkannt haben und sie mit klugen Ideen und Programmen angehen. Einige dieser Ansätze habe ich hier zusammengetragen:




Drei Dinge, die ich persönlich eigentlich für das Minimum halte, sind zu dem:

  1. eine zentrale Anlaufstelle für Fragen, Hilfsangebote und Absprachen rund um die Elternzeit sowie den Wiedereinstieg (idealerweise nicht nur eine Sharepoint-Seite sondern eine Person),

  2. eine kleine Aufmerksamkeit zur Geburt und

  3. regelmäßige Schulung der Führungskräfte zum Umgang mit Schwangeren, werdenden Vätern, Eltern in Elternzeit und Wiederkehrern.


Zuletzt bleibt mir nur zu sagen: Nichts ist Stärker als die Bindung zwischen Eltern und Kind. Verlangen wir nicht von unseren KollegInnen sich zu entscheiden, sondern ebnen wir den Weg für mehr und sich gegenseitig befruchtende Work-Life-Integration. Begegnen wir Eltern mit Akzeptanz, Flexibilität, Hilfs- und Trainingsangeboten. Ermutigen wir Väter sich Zeit für den Nachwuchs zu nehmen und Mütter den Schritt in die Arbeitswelt zu wagen. Legen wir die Checklisten beiseite und fragen wir: Welche Herausforderungen hast du und was brauchst du jetzt? Begleiten wir Rückkehrerinnen aktiv und sehen wir sie als die vollwertigen Fachkräfte, die sie sind.


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